Yunus 10:22
Der Vers bewegt sich in drei Szenen: (1) das Schiff segelt im günstigen Wind — Freude; (2) der Sturm kommt, von allen Seiten schließen sich Wellen — das Gefühl, umstellt zu sein; (3) ein aufrichtiges Gebet.
هُوَ ٱلَّذِى يُسَيِّرُكُمْ فِى ٱلْبَرِّ وَٱلْبَحْرِ ۖ حَتَّىٰٓ إِذَا كُنتُمْ فِى ٱلْفُلْكِ وَجَرَيْنَ بِهِم بِرِيحٍ طَيِّبَةٍ وَفَرِحُوا۟ بِهَا جَآءَتْهَا رِيحٌ عَاصِفٌ وَجَآءَهُمُ ٱلْمَوْجُ مِن كُلِّ مَكَانٍ وَظَنُّوٓا۟ أَنَّهُمْ أُحِيطَ بِهِمْ ۙ دَعَوُا۟ ٱللَّهَ مُخْلِصِينَ لَهُ ٱلدِّينَ لَئِنْ أَنجَيْتَنَا مِنْ هَـٰذِهِۦ لَنَكُونَنَّ مِنَ ٱلشَّـٰكِرِينَ
Er ist es, Der euch auf dem Festland und dem Meer reisen läßt. Wenn ihr dann auf den Schiffen seid und diese mit ihnen bei einem guten Wind dahinfahren und sie froh darüber sind, ein stürmischer Wind darüber kommt, die Wogen von überall über sie kommen, und sie meinen, daß sie rings umgeben werden, (dann) rufen sie Allah an, (wobei sie) Ihm gegenüber aufrichtig in der Religion (sind): Wenn Du uns nur hieraus rettest, werden wir ganz gewiß zu den Dankbaren gehören
Yunus 10:22 · Übersetzung: Bubenheim & Elyas
Bild
"Mawj min kulli makān" (Wellen von allen Seiten) — das Bild des Verlierens der Küstensicht. "Mukhliṣīna lahu al-dīn" (Religion ihm allein lauter zugewandt) — die Bedrängnis öffnet die Tür zu einem gelebten Eingottglauben; der enge gestellte Mensch erreicht nicht den theoretischen, sondern den praktischen Monotheismus.
Beobachtung
Die Dynamik eines Sturms auf offener See ist gut dokumentiert: starke Winde (Beaufort 8+) können Wellen auf 7–9 Meter heben; ein Schiff kann seinen Winkel zur Wasserfläche nicht halten, die Richtung geht verloren. "Wellen von allen Seiten" (mawj min kulli makān) beschreibt ein bekanntes Merkmal der maritimen Hydrographie — in Sturmgewässern bricht die vorherrschende Wellenrichtung zusammen und Kreuzseen (cross-seas) bilden sich. Der Vers gibt diese physikalische Tatsache in der Sprache der Beobachtung wieder; kein dramatischer Vergleich, sondern ein wirklicher Querschnitt des Seefahrerlebens.
Exegese
Al-Rāzī (Mafātīḥ al-Ghayb) hält fest, dass der Vers eine Wahrheit, die jede seefahrende Tradition kennt — dass das Gebet reiner wird, je weiter man sich von der Küste entfernt — in das Kernargument des Korans verwandelt: die natürliche Religion des Menschen tritt unter Bedrängnis hervor; im Wohlergehen bleibt sie verborgen.
Quellen
Tafsīr: al-Rāzī · Mafātīḥ al-Ghayb; al-Qurṭubī · al-Jāmiʿ li-Aḥkām al-Qurʾān. Wissenschaft: maritime Hydrographie (Kreuzseen, Beaufort-Skala).