Ar-Rum 30:8
Der Vers markiert den Ort der Betrachtung: fī anfusihim — in ihren eigenen Selbsten.
أَوَلَمْ يَتَفَكَّرُوا۟ فِىٓ أَنفُسِهِم ۗ مَّا خَلَقَ ٱللَّهُ ٱلسَّمَـٰوَٰتِ وَٱلْأَرْضَ وَمَا بَيْنَهُمَآ إِلَّا بِٱلْحَقِّ وَأَجَلٍ مُّسَمًّى ۗ وَإِنَّ كَثِيرًا مِّنَ ٱلنَّاسِ بِلِقَآئِ رَبِّهِمْ لَكَـٰفِرُونَ
Denken sie denn nicht in ihrem Inneren (darüber) nach? Allah hat die Himmel und die Erde und was dazwischen ist nur in Wahrheit und (auf) eine festgesetzte Frist erschaffen. Aber viele von den Menschen verleugnen fürwahr die Begegnung mit ihrem Herrn
Ar-Rum 30:8 · Übersetzung: Bubenheim & Elyas
Bild
Betrachtung heißt nicht nur, nach außen zu blicken; auch der Blick auf den eigenen Körper, das eigene Alter, den eigenen Fluss ist ein Feld der Betrachtung. Der Vers vervollständigt diese innere Betrachtung mit einer Brücke, die sie an die Schöpfung der Himmel und der Erde bindet: äußerer Kosmos und innerer Kosmos sind beide vom selben ḥaqq und derselben ajal (festgesetzten Frist) umfasst. Das Maß, das außen gilt, gilt ebenso innen.
Beobachtung
Die moderne Kosmologie zeigt, dass sich das Universum in einem Expansionsprozess entwickelt hat, der vor etwa 13,8 Milliarden Jahren begann; dass das Universum ein Alter hat, ist ein gesichertes Ergebnis der Beobachtungsastronomie. Dass Sterne ihren Brennstoff erschöpfen und verlöschen und dass Himmelskörper entstehen und altern, ist ebenfalls Teil desselben Beobachtungsrahmens.
Exegese
Die klassischen Exegeten merken an, dass fī anfusihim für zwei Lesarten offen ist: al-Rāzī sagt, dass beide Bedeutungen — "über die Erschaffung ihrer eigenen Selbste" (der Mensch, der seinen Körper, seinen Geist, sein Heranreifen betrachtet) und "in ihren eigenen Inneren, in Stille" (ein Rückzug, ein inneres Hinhören) — zusammen gehen. Al-Qurṭubī beobachtet, dass der Ausdruck "ḥaqq und ajal" in der Fortsetzung des Verses daran erinnert, dass sowohl der Kosmos als auch der Mensch einen Anfang und ein Ende haben — und dass diese Begrenztheit ein in die Schöpfung eingeschriebenes Maß ist. Elmalılı sagt, der Vers ruft zu einem persönlichen Erwachen — die Betrachtung muss sich zuerst nicht in die Ferne, sondern auf das eigene Selbst wenden.
Quellen
Tafsīr: al-Rāzī · Mafātīḥ al-Ghayb; al-Qurṭubī · al-Jāmiʿ li-Aḥkām al-Qurʾān; Elmalılı Hamdi Yazır · Hak Dini Kur'an Dili.